Aufwachsen als Geschwisterkind? Im Schatten oder ganz normal?

Kinder im LaubSpricht man über Geschwisterkinder, hört man immer wieder den Begriff „Schattenkinder“. Für mich baut sich das Bild von Kindern auf, die im Schatten der erkrankten oder behinderten  Geschwister stehen und nur selten Aufmerksamkeit erhalten. Hier macht sich gerne die Vorstellung von kleinen, grauen Gestalten, die farblos und wie Schatten durch das Leben huschen, breit. Seit ich mich mit der Thematik beschäftige, frage ich mich, ob das wirklich so ist? Sind Geschwisterkinder wirklich immer im Nachteil? Oder ist es vielleicht so, dass Geschwisterkinder trotzdem oder vielleicht genau deshalb genauso gut aufwachsen?

Während meiner Recherche zum Thema fiel mir eines auf: Auch Geschwisterkinder haben die Chance zu wachsen und zu Menschen werden, die ein gutes Leben führen können. Trotz aller Faktoren, die das Leben von Geschwisterkindern auch manchmal ein wenig leiser oder langsamer machen. Und: In fast jedem Leben gibt es ein Geschwisterkind. Freunde, Bekannte, Kollegen. Ich habe mich mit einigen Geschwisterkindern über das Thema unterhalten und kann feststellen, dass sie als Erwachsene ihr Leben meistern und das ohne Nachteile.

„Ich war nie benachteiligt. Klar war, dass mein Bruder mit Down Syndrom mehr Fürsorge brauchte, er entwickelte sich ja auch langsamer, aber wenn ich Bedarf anmeldete und Unterstützung benötigte, waren meine Eltern immer für mich da“, so zum Beispiel ein älterer Bruder über seine Kindheit. „Wir waren immer versorgt, waren genauso Lausbuben und bekamen genauso geschimpft, wie andere Kinder und erlebten Abenteuer wie die anderen auch.“ Sicher ist, die Situation ist nicht einfach, wenn ein Geschwisterkind mit Behinderung auf die Welt kommt oder erkrankt. Die ganze Familie ist in Bewegung, viele Fragen kommen auf und es ist verständlich, dass jeder zurücksteckt, weil sich der Fokus aller verlagert.

Dass das ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit von den gesunden Geschwisterkindern abzieht, ist klar. Manche benötigen zunächst Unterstützung. Das können kleine Gesten sein, eine Umarmung oder kleine Rituale wie ein geplanter Zeitraum, der nur mit Mama oder Papa verbracht wird, ein fürsorglicher Arzt, der das Geschwisterkind in jede Sprechstunde integriert und dessen Fragen beantwortet. „Wir trafen uns immer alle zu den Mahlzeiten, da war Zeit für alles.“

Geschwisterkinder erleben eine besondere Zeit, die neben den belastenden Situationen auch positive Seiten bietet. Sie entwickeln große Kompetenzen. Zum Beispiel im sozialen Verhalten. Sie sind zum Beispiel toleranter und verständnisvoller gegenüber anderen Menschen mit Handicaps oder Defiziten und haben, so auch der ältere Bruder „ein dickeres Fell, wenn es um Befindlichkeiten geht, wenn dumme Hänseleien kommen. Das ist so. Am Anfang. Aber auch das hat sich gelegt. Wir hatten den behinderten Bruder und alle lebten irgendwann damit.“

In Gesprächen mit Psychologen und Experten hört man immer wieder, dass Geschwisterkinder lernen umzudenken, sich selbst zu organisieren und Aufgaben zu lösen. „Ich wurde selbstständiger und auch unabhängiger, lernte quer zu denken“, so der große Bruder über seine Kindheit. Dazu kam, dass er auch eigene Pläne fasste und umsetzte, sich Ziele steckte. „Das gehört dazu, wenn man erwachsen wird. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich nicht schuld bin, dass ich einen Bruder mit Down Syndrom habe. Ich soll mein Leben leben, das war und ist meine Aufgabe, klar ist, dass er da ist und ich ihn nicht vergesse, aber ich bin eben auch noch da.“

Lares 2Auch die Zahlen der Forschung sprechen für eine gute Kindheit. 70% aller Geschwisterkinder so gut wie keine besonderen Bedürfnisse aufzeigen. Sie sind gesunde Kids, die ihr Leben in die Hand nehmen und aufgrund der besonderen Situation etwas anders gestalten. Rund 20% weisen einen leichten Bedarf an Unterstützung auf. Ihnen kann mit Angeboten und Informationsmaterial gut Unterstützung geboten werden. Ungefähr 10% haben wirklich Bedarf an Unterstützung.

Fragt man den großen Bruder, der heute mit seiner eigenen Familie lebt und glücklich und zufrieden damit ist, ob er benachteiligt war, schüttelt er den Kopf. „Nein. Wieso auch? Wir hatten Zeiten, in denen die Zeit der Mama knapp war, aber am Ende war immer jemand für uns da, wenn wir jemanden brauchten. Oft waren das auch Freunde, deren Eltern, Lehrer, Nachbarn oder Verwandte, die wir fragen konnten.“

 

Wie sehen Sie das? Wie haben Sie die Kindheit als Geschwisterkind erlebt? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung und freuen uns über Ihre Kommentare.

Text von: Birgit Bauer

2 Gedanken zu „Aufwachsen als Geschwisterkind? Im Schatten oder ganz normal?

  1. Birgit Bauer

    Lieber Sascha,

    danke für Ihren Kommentar. Der Aspekt, dass sich für erwachsene Geschwisterkinder besondere Fragestellungen ergeben, ist natürlich absolut richtig.
    In dem Beitrag habe ich allerdings das Thema Aufwachsen als Geschwisterkind fokussiert, daher wurde hier nicht explizit auf erwachsene Geschwisterkinder eingegangen.
    Ergänzungen sind aber natürlich immer gerne willkommen!

    Unser Interview mit Gerd Brederlow greift dieses Thema übrigens ebenfalls auf.

    Herzliche Grüße,

    Birgit Bauer

    Antworten
  2. Sascha

    Ganz klar kann ich ebenfalls behaupten, dass ich nie das Gefühl hatte im Schatten meines behinderten Bruders gestanden zu haben! In der Kindheit habe ich es so empfunden, wie Sie es in Ihren Artikel auch beschreiben. Es war eine Bereicherung. Heute bin ich seit fast 40 Jahren Geschwisterkind. Ich bin normal aufgewachsen, mit hat es an nichts gefehlt. Soweit meine Zustimmung.

    Eine andere Interpretation von Schattenkind, eine die sich auch im Logo des Blogs erwachsene-geschwister.de zeigt ist, dass der Schatten des nichtbehinderten Geschwisters ein Leben lang auch Konturen des behinderten Geschwisters zeigt. Wir Geschwisterkinder heißen also Schattenkinder, weil unsere Geschwister uns – wie auch unser Schatten – uns ständig begleiten.

    Meine eigene Erfahrung und auch die von anderen erwachsenen Geschwistern, die mir in vielen Gesprächen vermittelt wurden, zeigen, dass sich im Erwachsenenalter besondere Fragestellungen ergeben. Oft sind es Unsicherheiten darüber, was die Zukunft bringt. Was ist wenn die Eltern nicht mehr da sind? Welche Verantwortung muss ich übernehmen? Welche Verantwortung kann ich überhaupt übernehmen, denn ich habe ja selbst Familie? Antworten auf solche Fragen zu finden und mit diesen zu Leben ist gar nicht leicht.

    Dieser Gedanke fehlt mir in Ihrem Beitrag. Mag die Kindheit noch so bereichernd empfunden worden sein, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich im Erwachsenenalter zum Teil belastende Fragestellungen ergeben.

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